Kunstkritik

Werke von Claudia Platz

 

CLAUDIA PLATZ


Wenn wir die Bilder der Kunstmalerin Claudia Platz ansehen, konfrontieren wir uns mit Bildern, die uns unbekannt erscheinen. Bildern, in denen wir dann doch vieles sehen.

Die Kunstmalerin Claudia Platz versteht es sehr gut, uns mit ihren Bildern Fragen aufzuwerfen, was wir in ihren Bildern sehen.
Welche Rolle spielen das Sehen und Wahrnehmen von Bildern in unserer Kultur bzw. überhaupt für den Menschen? Warum gefällt uns ein Kunstwerk? Was ist eigentlich Sehen? Was ist ein Bild?

Die Welt, in der wir leben, besteht für uns zu einem großen Teil aus der Welt, die wir sehen. Damit will ich keineswegs die anderen Sinne an die zweite Stelle setzen, sondern nur klarlegen, dass unsere Augen einen wesentlichen Teil bestimmen, und wir vielleicht -gerade in der heutigen Zeit- uns dessen nicht immer bewusst sind. Die Welt des Menschen ist hauptsächlich eine Welt des Sehens.

Sehen ist das Ergebnis eines sehr komplexen Vorganges im Gehirn, der im Auge beginnt, indem Bilder auf die Netzhaut fallen -klein und auf dem Kopf gestellt- wie in einem Fotoapparat. Doch dies ist nur der Anfang einer ganzen Kette von Ereignissen, die einen Großteil unseres Gehirns miteinbeziehen und an deren Ende die Bilder stehen, die wir sehen.

Die Impulse einer bestimmten Nervenzelle haben stets die gleiche Stärke und Dauer, aber können unterschiedlich schnell, das heißt mit unterschiedlich hoher Frequenz aufeinander folgen. Die Nervenzellen kommunizieren untereinander durch die Variation der Frequenz der Nervenimpulse.

Wenn wir also ein Bild betrachten, so kommunizieren unsere Nervenzellen miteinander und lösen dadurch unser Verständnis, bzw. unsere Begeisterung oder unser Missfallen aus. Kunst -auf jeder Ebene- kommuniziert mit dem Menschen, der ihr Beachtung schenkt.

In jeder Wahrnehmungstheorie ist unser Bewusstsein ein Ort der Bilder. Heute entsteht vielfach der Eindruck, dass Bilder nur mehr von Apparaten produziert werden, deren Empfänger kaum Widerstand leisten. Doch Bilder entstehen immer nur da, wo wir sie sehen und deuten, sind also von unserem Bildverständnis bestimmt.

Dieses Bildverständnis ist von außen an unsere Kultur gebunden und zugleich in inneren Bildern verschmolzen. Diese inneren Bilder sind von uns selbst bestimmt und entstehen im Laufe unseres Lebens, nicht allein über optische Sinneseindrücke, sondern über Sinneseindrücke jeglicher Art.

Bernhard Stiegler erinnert in seinem Essay über „Das diskrete Bild“ an die Tatsache, dass es images mentalis nicht ohne die images objets, wie er sie nennt, geben kann. Die ersteren sind sozusagen eine Spur, die Bilder jeglicher Art in uns hinterlassen. Die Interaktion der beiden Arten von Bildern ist aber nicht eindeutig.
Unsere eigenen Bilder sind sicherlich unklarer als die Bilder, die uns von außen entgegenkommen, prägen aber unsere Erinnerung.

Ich denke, dass ein weitgefasster Kulturbegriff mit dem Menschen im Zentrum immer wieder zu kleinen Orten zurückkehrt und gerade daraus seine Freiheit bezieht.
Ich denke, dass sich die einzelnen Kategorien, in die Bilder eingeteilt werden können sehr schwer voneinander abgrenzen lassen, da sie in einer reziproken Funktion zueinander stehen, also sich gegenseitig in ständiger Veränderung mitbestimmen.
Interessant ist natürlich die Frage, wie sehr wir uns an den äußeren oder inneren Bildern orientieren, ohne eigentlich zu wissen, wo die eine Bilderwelt anfängt und die andere aufhört.

Die Bilder der Kunstmalerin Claudia Platz entwerfen images mentalis, surreale Bildwelten, denen es nie an Lichtblick fehlt, die eine ganz einzigartige Art zeigen, den Betrachtenden immer wieder großen Spielraum zu lassen.
Um sich mit einem Bild auseinandersetzen zu können, bedarf es der Fähigkeit zur gezielten Betrachtung und Wahrnehmung. Diese Fähigkeit meint „sehen“ im Sinne von „wissen“ und „verstehen“.

Das Bildverständnis hängt mit der Identität zusammen.
Die Suche nach Identität wird zu einer Suche nach Bildern, die zu eigenen werden können, oder nach Träumen, die festgehalten werden und sich so nicht mehr verflüchtigen.

Die Bilder der Kunstmalerin Claudia Platz erzählen von einer sehr sensiblen und starken Persönlichkeit. Sie laden ein, anzuhalten, zu schauen, zu vertiefen und genau in diesem Prozess vollzieht sich ein großer Freiraum im Bild, denn die Bilder wirken nach eingehender Betrachtung anders als zu Beginn.

Die Kunstmalerin Claudia Platz stellt sich den Herausforderung des Zufalls, des Unbestimmten, des Wahrscheinlichen, der Ambiguität, der Mehrwertigkeit. Damit im Zusammenhang steht die Gelegenheiten, sich mit der Unordnung auseinanderzusetzen; nicht der blinden und endgültigen Unordnung, dem Fehlen jeder ordnenden Möglichkeit, sondern der fruchtbaren Unordnung, aus dem das Kreative entsteht.

Die Kunstmalerin Claudia Platz gibt diesem Prozess eine Form, der einen Lichtblick, einen Freiraum schafft, der einen Eindruck von Freiheit hinterlässt.


Dott.ssa Margit Strobl
Kunsthistorikern
eingetragene Schätzerin Landesgericht Bozen, 538/U/2006

 

 



Matrix

60 x 80 cm
Acryl auf Leinwand 2006

Matrix ist die Bezeichnung für das Raster der Wahrnehmung, so als ob wir durch eine Brille die Welt sehen würden, vergrößert oder verkleinert, und nicht nur.

Matrix ist ein Muster der Wahrnehmung, das nicht nur verkleinert und vergrößert, sondern besetzt ist mit Wertvorstellungen, die den Blick führen, verführen, begleiten und verändern. Die Matrix ist die Basis der Wahrnehmung, sie ist immer präsent, auch wenn etwas nicht wahrgenommen wird.

In der künstlerischen Interpretation von Claudia Platz ist es unklar, was genau die Matrix im Bild ist. Der Blick ins Rot durch die ornamentalen Öffnungen? Oder der Blick in die Ornamentik durch das Rot?

Es gibt keinen Vorder- und Hintergrund im Bild, es gibt keine Prevalenz. Es gibt die Farbe als Matrix, kombiniert, verziert, verschwommen monochrom, komponiert.
Die Matrix steht hier symptomatisch für die Bildwahrnehmung, die keine Matrix hat und zugleich Matrix ist.

Die Stärke dieser Künstlerin ist die Komposition der Farben, die weder fahl, noch matt sind, sondern hauptsächlich primär und sekundär, intensiv und verträumt. Sie erzeugen Bilderwelten, die komplentär sind, Formen, die sich in der Farbe gleichsam bewegen und verändern können.

Diese Farbbilder erinnern an die großen Künstler der Moderne, Giacomo Balla, Wilhelm Ostwald, Josef Albers, Piet Mondrian, deren Farbkompositionen in zumeist strengen geometrischen Kompostionen, neue Erfahrungswerte der Malerei gebildet haben.

Es bleibt spannend, was diese Künstlerin dieser Form von Malerei hinzufügen wird, zumal der Kubismus der Farbe das Thema der zeitgenössichen Malerei wird.

Das Bild Matrix der Künstlerin Claudia Platz steht für die Bildwahrnehmung, die keine Matrix hat und zugleich Matrix ist.

Dr. Margit Strobl
Kunsthistorikerin und Schätzerin, Bozen